Ausstellung: 100 Jahre Rathaus

100 Jahre altes Rathaus

(Fortsetzung)

Ein besonderes Thema im Rahmen dieser Ausstellung ist der Wandel der Bürokultur. Er ist Spiegel einer sich wandelnden Arbeitswelt, in der Verwaltung als Dienstleistung etabliert wird.

Gladbeck war als Bergarbeiterstadt mit der Ansiedlung von Zechen, quasi unbemerkt, auch zu einem Ort von Verwaltungen geworden. Dieser neu entstehende Berufszweig ist von zentraler Bedeutung für den Strukturwandel der Moderne. Leitbild wird der neutraldienende preußische Beamte.

Die Mechanismen der industriellen Arbeit bestimmen von Beginn an die Verwaltungstätigkeiten. Dazu gehören Elemente wie die Arbeitszeitkontrolle, Leistungskontrolle, das Zählen von Anschlägen beim Maschineschreiben, das Ringen um Nachvollziehbarkeit, die Einführung doppelter Kontrolle und die Suche nach Möglichkeiten zur Effektivitätssteigerung innerhalb der Verwaltungswege, nicht zuletzt aber auch die Separierung einer Arbeitswelt mit eigenen Regeln von einer Welt des Feierabends. Die Stempeluhr mit Stechkartensystem wird 1924 eingeführt.

Symbolischer Ort einer Arbeit, deren Produkt kaum sichtbar wird, ist das Büro, dessen sich der Verwaltungsbeschäftigte auf verschiedene Art bemächtigen muss und darf.
Auch dieses ist 100 Jahre Rathausgeschichte: Der Blick auf die Arbeitsorte, ihre öffentlichen repräsentativen Inszenierungen und ihre privatisierten Zonen und Räume für Selbstironie und Selbstkommentierung.

1970/1971 wurde das Rathaus durch zwei Bürotürme erweitert, in denen die dezentralen Büros der weiter gewachsenen Verwaltung untergebracht wurden. Wegen einer gesundheitsgefährdenden PCB-Belastung im Neubau wurden diese Türme 2005 abgerissen. Die Sanierung wäre zu teuer gewesen.
In der Sammlung des Museums der Stadt Gladbeck befinden sich Relikte dieser geräumten Büros, zusammengetragen im letzten Moment, bevor das Licht ausging.

Bürotassen und Aufkleber in der Waschbeckenecke, Zahnputzbecher und Plakate der favorisierten Fußballmannschaft, eine Sammlung an Altweiber verschiedener Jahre abgeschnittener Krawatten oder auch die Ansichtskarten, die Kollegen aus dem Urlaub den im Büro Verharrenden zusandten, all dies sind Bestandteile einer Ding- und Symbolwelt des Rathauses, die die Ausstellung dem Besucher nahebringen will.

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